«God´s Lonely Men»

16.04.2007 Walter Gasperi

Zwar hat der 1942 in New York geborene Martin Scorsese erst heuer mit seiner sechsten Oscarnominierung die begehrte Statuette auch gewonnen («The Departed»), zu den ganz Großen des Kinos gehört er aber schon seit drei Jahrzehnten. – Das Kinok in St. Gallen würdigt Scorsese mit einer kleinen Retrospektive.


Little Italy, das Milieu der italienischen Immigranten in New York, hat Martin Scorsese ebenso geprägt wie seine katholische Familie. Vor allem aber entdeckte er schon früh seine Liebe fürs Kino. Als Asthmatiker durfte er als Kind an den rauen Straßenspielen seiner Altersgenossen nicht teilnehmen, sondern verbrachte viel Zeit allein in der elterlichen Wohnung. So begann er Storyboards von Filmen, die er im Kino gesehen hatte, zu zeichnen.

Priester oder Filmregisseur waren für den kleinen Italo-Amerikaner die beruflichen Alternativen und nach einem Jahr im Priesterseminar wechselte er zur New York University um zunächst englische Literatur und dann Film zu studieren. Der Religion hat Scorsese aber nicht abgeschworen und leitmotivisch ziehen sich zumindest auf der Subtext-Ebene religiöse Themen durch seine Filme. «Für deine Sünden zahlst du nicht in der Kirche, sondern auf der Straße», stellt schon Harvey Keitel in «Mean Streets» (1973) fest, in dem Scorsese kraftvoll vor dem gewalttätigen Milieu von Little Italy den perspektivelosen Alltag der Jugendlichen schildert. Am Ende des pessimistischen Boxerdramas «Raging Bull» (1980) steht ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium, «Bringing Out the Dead» (1999) schließt mit einer Nachstellung von Michelangelos Pietá. Und mit der Adaption von Nikos Kazantzakis Roman «The Last Temptation of Christ» (1988) hat Scorsese auch einen expliziten Bibelfilm gedreht.

Schuld und Sühne und die nie erfüllte Sehnsucht nach Erlösung ziehen sich leitmotivisch durch Scorseses Werk. Immer wollen seine Charakter aus ihrer Umwelt ausbrechen, wollen jemand anderer werden oder die Welt verändern und vollziehen doch nur eine Kreisbewegung: Robert de Niros «Taxi Driver» (1976), bei dem schon der Name «Travis» Assoziationen an «travel» und somit an Veränderung und Bewegung hervorruft, steuert am Ende in nahezu identen Einstellungen wie am Beginn sein gelbes Taxi durch das nächtliche New York. Der Weltmeistertitel führt Jake La Motta in «Raging Bull» so wenig aus der Isolation und dem inneren Gefängnis wie die Musik Johnny Doyle in «New York, New York» (1977) und auch Leonardo di Caprio als Millionär Howard Hughes in «Aviator» (2004) kann sich nie von seinen Obsessionen befreien. Monoman arbeitet auch der dilettantische Komiker Rupert Pupkin (Robert de Niro) in «The King of Comedy» (1982) an seiner Karriere, Erfolg und Berühmtheit erreicht er aber erst durch Entführung eines TV-Talkmasters. – In den Filmen Scorseses gibt es kein Happy-End und keine Erlösung und im Gegensatz von äußerem Erfolg und innerem Scheitern entwickeln diese mit Inbrunst inszenierten Dramen gesellschaftskritisches Potential.

Wie sich Scorseses Filme spätestens mit «The King of Comedy» von Little Italy lösen, so erobert sich auch der Regisseur selbst ab dieser Satire ein neues Umfeld und neue Inhalte ohne seine Obsessionen aufzugeben. Vom innovativen Regisseur des New Hollywood steigt er damit selbst zum Studio-Regisseur auf, der innerhalb des Systems seine persönlichen Filme zu drehen und die Synthese zwischen klassischem Hollywood und modernem Kino zu verwirklichen versucht.

Denn jeder Film dieses vom Kino besessenen Regisseurs ist auch eine Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte. Mit dem Billard-Film «The Color of Money» (1986) drehte Scorsese eine Fortsetzung zu Robert Rossens Meisterwerk «The Hustler» («Haie der Großstadt», 1961) und mit «Cape Fear» ein Remake von J. Lee Thompsons 1961 entstandenem Thriller gleichen Titels («Cape Fear – Ein Köder für die Bestie»). Bei braven Neuverfilmungen hat es Scorsese dabei aber nicht belassen, sondern die schon in den Vorlagen angelegten Themen Schuld und Sühne vertieft und schärfer herausarbeitet. Der brutale Killer und der schmierige Anwalt sind in der Neuverfilmung von «Cape Fear» nicht mehr konträre Figuren, sondern nur noch zwei Seiten einer Medaille und jeder könnte wohl, wäre er in einem anderen Milieu aufgewachsen, an der Stelle des jeweils anderen stehen. Nur in «The Departed», der ein Remake des Hongkong-Polizistenthrillers «Infernal Affairs» ist, ist bei aller Virtuosität der Inszenierung diese Inbrunst und thematische Konsistenz nicht zu spüren und zu finden.

Am Kino arbeitet sich Scorsese, der schon 1980 auf den desolaten Zustand alter Farbfilme aufmerksam machte und sich für ihre Restaurierung einsetzte und selbst jeweils rund vierstündige Dokumentarfilme über die amerikanische («A Personal Journey With Martin Scorsese Through American Movies», 1995) und die italiensche Filmgeschichte («Il mio viaggio in Italia – My Voyage to Italy», 1999) drehte, aber auch mit jedem anderen seiner Filme ab. Wie «Raging Bull» als Antwort auf die in «Rocky» und Co. besungenen Erfolgsstories zu lesen ist, so stellt «The Last Temptation of Christ», der einen zweifelnden und zerrissenen sehr menschlichen Jesus präsentiert und gerade deswegen heftige Diskussionen auslöste, einen Kontrapunkt zu den kitschigen Bibelfilmen aus Hollywood dar. «Aviator» wiederum spielt mit der Hauptfigur und dem Motiv der verlorenen Unschuld der Kindheit auf Orson Welles´ «Citizen Kane» (1940) an, während sich «Gangs of New York» (2002) als amerikanisches Gegenstück zu Luchino Viscontis italienischem Gründungsepos «Il Gattopardo» (1963) präsentiert.

Martin Scorsese-Retrospektive

  • Martin Scorsese (geb. 1942)
  • Taxi Driver (1976)
  • New York, New York (1977)
  • Raging Bull (1980)
  • Bringing Out the Dead (1999)
  • Gangs of New York (2002)
  • Aviator (2004)
  • The Departed (2006)

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