Crossing Europe 2017: Europäische Fragen - Eine Vorschau

24.04.2017 Walter Gasperi

25.04.2017 bis 30.04.2017  

160 europäische Spiel- und Dokumentarfilme präsentiert das 14. Crossing Europe Filmfestival Linz (25. – 30.4. 2017). Neben dem Spielfilm-, dem Dokumentarfilm- sowie dem Local Artists-Wettbewerb, werden auch Highlights der vergangenen Festivalsaison gezeigt, der Tribute ist dem polnischen Regie-Duo Anka und Wilhelm Sasnal gewidmet und in der neu geschaffenen Sektion Spotlight wird das Werk der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu vorgestellt.


Wie gewohnt startet Crossing Europe mit fünf Eröffnungsfilmen, die laut Pressemitteilung «einen repräsentativen Querschnitt durch das heurige Festivalprogramm und die Programmsektionen darstellen». Am Puls der Zeit ist das Festival dabei mit «Chez nous», in dem der Belgier Lucas Belvaux von einer Krankenpflegerin erzählt, die im Glauben das Richtige für ihre Gemeinde zu tun, sich von einer fremdenfeindlichen, nationalistischen Partei einspannen lässt.

Von Fremdenhass erzählen auch die Polen Anka und Wilhelm Sasnal, denen der heurige Tribute gewidmet ist, in ihrem auf Albert Camus´ Roman «Der Fremde» beruhenden fünften gemeinsamen Film «Słońce, to słońce mnie oślepiło» («The Sun, the Sun Blinded Me»).

In Form einer schwarzen Komödie erzählt dagegen der Spanier Álex de la Iglesia in «El bar», der die wiederum von Markus Keuschnigg kuratierte Sektion Nachtsicht eröffnet, von Terrorangst. Ganz auf eine Bar, in der sich eine Handvoll Gäste verschanzen muss, als auf dem Vorplatz ein Mann erschossen wird, konzentriert sich de la Iglesia und lässt die Gruppe schließlich auf der Suche nach einem Entkommen in den stinkenden Kanal abtauchen.

Entdecken kann man im Rahmen der Eröffnung aber auch den neuen Film der Türkin Yeşim Ustaoğlu, die in «Tereddüt» («Clair obscur») eine poetische Parallelstudie einer mitten im modernen Leben stehenden Psychiaterin und einer zwangsverheirateten jungen Hausfrau präsentiert. Als fünfter Eröffnungsfilm wird schließlich Vitaly Manskys im Dokumentarfilmwettbewerb laufender «Rodnye» («Close Relations») gezeigt. Der in der Ukraine geborene russische Regisseur spürt auf der Suche nach den Mitgliedern seiner über ganz Russland verstreuten Familienmitglieder den Gründen für die Spannungen in diesem Land nach.

Im Wettbwerb um den mit 10.000 Euro dotierten Crossing Europe Award konkurrieren heuer zehn Langfilmdebüts und zwei zweite Langfilme. Ralitza Petrovas in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnetes Drama «Bezbog» («Godless»), das ein düsteres Bild des heutigen Bulgarien zeichnet, kann man hier ebenso entdecken wie Julian Radlmaiers bei der Berlinale hochgelobte Gesellschaftssatire «Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes».

Ana-Felicia Scutelnicu erzählt in «Anishoara» über die vier Jahreszeiten hinweg vom Coming-of-Age eines 15-jährigen Mädchens in einem malerischen moldawischen Dorf. In einem isländischen Fischerdorf spielt dagegen Gudmundur Arnar Gudmundssons «Hjartasteinn» («Heartstone»), in dessen Mittelpunkt zwei Freunde stehen, die langsam erwachsen werden.

Gemeinsam sind zahlreichen Wettbewerbsfilmen junge Protagonisten von angehenden dänischen Medizinern («I Blodet - In the Blood» von Rasmus Heisterberg) über drei Straßenprostituierte in Rumänien («Vanatoare» von Alexandra Balteanu) bis zu einer jungen Frau, die nach Hause zurückkehrt und auf desolate Zustände trifft («The Levelling» von Hope Dickson Leach).

Auffallend ist im Wettbewerb die starke Präsenz Osteuropas, das sieben der zwölf Filme beisteuert. Aus Estland kommt mit Triin Ruumets «Päevad, mis ajasid segadusse» («The Days that Confused» ein «musikstarker Energietrip durch die letzten Ausläufer der Adoleszenz» (Filmfest Hamburg), während Rusudan Glurjidze in «Skhvisi sakhli»(«House of Others») von den traumatischen Folgen des Abchasien-Konflikts in den 1990er Jahren erzählt. Der Litauer Andrius Blazevicius wiederum schildert in «Sventasis» («The Saint») die Auswirkungen der beruflichen Perspektivlosigkeit auf das Private.

Zehn Filme konkurrieren im Dokumentarfilmwettbewerb. Der Bogen spann sich hier von Robert Kirchhoffs Erkundung des Genozids an den Roma und Sinti während der Nazizeit («Diera v hlave – A Hole in the Head») bis zum Porträt der Welt der Skoltsamen in Finnisch –Lappland in Katja Gauriloffs animiertem Dokumentarfilm «Kuun Metsän Kaisa» («Kaisa´s Enchanted Forest»). Katerina Suvorova wiederum dokumentiert in «Zavtra More» («Sea Tomorrow») die «selbstgemachte» Umweltkatatastrophe, die um die Jahrtausendwende weite Teile des Aralsees austrocknen ließ, während Asli Özarslan in «Dil Leyla» das Portrait einer jungen kurdischen Bürgermeisterin in der Türkei zeichnet.

Ein Potpourri von Festivalhighlights des vergangenen Jahres bietet die Sektion «European Panorama Fiction». Angela Schanelecs sperriger «Der traumhafte Weg» und Kristina Grozevas und Petar Valchanovs «Slava» («Glory»), die beide letztes Jahr in Locarno ihre Uraufführung feierten, kann man hier ebenso entdecken wie «Fixeur» («The Fixer») des Rumänen Adrian Sitaru.

Gespannt sein darf man auch auf den neuen Film von «Marshland – La isla minima»-Regisseur Alberto Rodríguez, der in dem biographischen Thriller «El hombre de las mil caras» («Smoke and Mirrors») von einem Spion erzählt, der eine ganze Nation zum Narren hielt.

Die Sektion Arbeitswelten geht heuer unter dem Titel «Was wir tun» der Sinnstiffung von Arbeit nach, während sich die Reihe «Architektur und Gesellschaft» mit «Gender & Space» beschäftigt und die Schiene «Cinema Next Europe» fokussiert auf neue Stimmen im europäischen Kino.

Einen Einblick in das Schaffen des polnischen Künstlerpaares Aka und Wilhelm Sasnal, die sich in ihren Filmen intensiv mit Sprache, Texten und literarischen Vorlagen, die sie dann in eine für sie adäquate Bildsprache bzw. in Bewegtbild transformieren, bietet der Tribute. Neben ihren seit 2008 gemeinsam entstandenen fünf langen Filmen werden hier auch sieben Kurzfilme gezeigt, die Wilhelm Sasnal zwischen 2005 und 2015 drehte.

Ebenso wird das Schaffen der türkischen Autorenfilmerin Yeşim Ustaoğlu mit fünf langen Spielfilmen von ihrem zweiten Spielfilm «Günese Yolculuk» («Reise in die Sonne») über «Pandora´nin kutusu» («Pandoras Box») bis zu ihrem neuesten Werk «Tereddüt» («Clair obscur») vorgestellt. Zudem wird Ustaoğlu eine Masterclass abhalten.

Kontrastprogramm zu den realistischen Zustandsschilderungen bietet wiederum die Reihe «Nachtsicht», in der wieder herausragende europäische Horror- und fantastische Filme gezeigt werden. Dazu kommt die Reihe «Local Artists», mit der dem regionalen Filmschaffen eine Plattform geboten wird, sowie Publikumsgespräche nach den Vorführungen und Diskussionen.

  • Chez nous (Lucas Belvaux)
  • Słońce, to słońce mnie oślepiło (The Sun, the Sun Blinded Me; Anka und Wilhelm Sasnal) (c) balapolis
  • Tereddüt (Clair obscur; Yeşim Ustaoğlu) (c) Real Fiction
  • El Bar (Álex de la Iglesia) (c) Koch Media
  • Bezbog (Godless; Ralitza Petrova)
  • Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes (Julian Radlmaier)
  • Anishoara (Ana-Felicia Scutelnicu)
  • Hjartasteinn (Heartstone; Gudmundur Arnar Gudmunddsson)
  • Der traumhafte Weg (Angela Schanelec)
  • Fixeur (The Fixer; Adrian Sitaru)

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