Loving Vincent

02.01.2018 Walter Gasperi

In ihrem visuell berauschenden Animationsfilm erfinden die Polin Dorota Kobiela und ihr britischer Ehemann Hugh Welchman mit nachgestellten Ölgemälden Vincent Van Goghs einen Krimi um den Tod des Wegbereiters der modernen Kunst.


Künstlerfilme konnte man in den letzten Jahren viele sehen. Neben zahlreichen Dokumentarfilmen spannt sich der Bogen im Bereich des Spielfilms von Mike Leighs «Mr. Turner» über Christian Schwochows Paula Modersohn-Becker-Film «Paula – Mein Leben soll ein Fest sein» bis zu Aisling Walshs Biopic über die kanadische Volkskünstlerin Maud Lewis («Maudie»).

Auch Vincent van Gogh war schon Thema mehrerer Spielfilme von Vincente Minnellis «Lust for Life» (1956) mit Kirk Douglas als van Gogh und Anthony Quinn als Paul Gauguin über Akira Kurosawas «Träume» (1990), Robert Altmans «Vincent und Theo» (1990) und Maurice Pialats «Van Gogh» (1991) bis zu Julian Schnabels «At Eternity´s Gate», der sich derzeit in Produktion befindet.

Von diesen allen hebt sich «Loving Vincent» aber durch seine Machart ab. Über sechs Jahre arbeiteten Dorota Kobiela und Hugh Welchman an diesem Projekt und beschritten dabei auch neue Wege im Bereich des Animationsfilms: Zunächst filmten sie zwar echte Schauspieler, die in Sets, die nach Gemälden van Goghs nachgebaut wurden, oder vor einem Green Screen agierten.

Anschließend malten 125 speziell ausgebildete Künstler nach diesen Aufnahmen aber 65.000 Einzelbilder in Öl, bei denen nicht nur die Maltechnik von van Gogh, sondern auch rund 100 Gemälde des Malers kopiert wurden.

Ganz auf der Basis von realen Gemälden wird so die fiktive Haupthandlung erzählt, die durch einen Brief van Goghs, der rund ein Jahr nach dem Tod des Künstlers am 29. Juli 1890 auftaucht, ausgelöst wird. Der Sohn des mit dem verstorbenen Künstler befreundeten Postmeisters Joseph Raulin soll diesen Brief nämlich Vincents Bruder Theo überbringen.

Widerwillig übernimmt Armand Raulin zunächst diese Aufgabe. Als er erfährt, dass Theo auch schon verstorben ist, möchte er den Brief dem mit van Gogh befreundeten Arzt Gachet übergeben und reist von Paris zu van Goghs letztem Aufenthaltsort Auvers-sur-Oise.

Weil Gachet vorübergehend abwesend ist, quartiert sich Raulin im Dorfgasthaus, in dem auch van Gogh wohnte, ein. Er führt Gespräche mit der Tochter der Wirtin, dem Polizisten des Ortes, einem Bootsverleiher, der Haushälterin Gachets und dessen Tochter. In diesem multiperspektivischen Blick, der an Orson Welles legendären «Citizen Kane» erinnert, kristallisiert sich nicht nur für Armand, sondern auch für den Zuschauer das Bild eines Zerrissenen heraus, der von seiner Umwelt ganz unterschiedlich gesehen wurde, einerseits als Genie bewundert, andererseits verlacht und ausgestoßen wurde.

Gleichzeitig verbeißt sich Armand dabei auch immer mehr in diese Geschichte, stößt auf Widersprüche, sodass in ihm sogar der Verdacht aufkommt, dass van Gogh nicht Selbstmord beging, sondern ermordet wurde.

Reine Spekulation ist diese Krimihandlung. Dichte und Leben entwickelt sie kaum, zu blass bleiben die Figuren, zu holzschnittartig die Geschichte, um wirklich Spannung und Emotionen aufkommen zu lassen. Stets bleibt spürbar, dass dies nur ein Rahmen ist, nur Trägerfunktion hat, um den Zuschauer in die künstlerische Welt van Goghs zu entführen.

Das aber gelingt Kobiela und Welchman auf grandiose Weise. Mit der für van Gogh typischen Leuchtkraft seiner Farben, mit seinem breiten Pinselstrich, dem berauschenden Gelb der Weizenfelder und dem Blau des Nachthimmels, klassischen Motiven wie den Krähen, aber natürlich auch weltberühmten Porträts wird die einzigartige Bilderwelt zum Leben erweckt.

Fast greifbar wird dabei auch die Rauheit der Ölfarben und große Faszination entwickeln diese Bilder auch dadurch, dass sie fast nie ruhen, sondern sich der Strich immer wieder ändert, die Farben der Kleider und Felder flirren.

In scharfem Kontrast zu diesen Ölbildern, die mit spürbarer Leidenschaft und großem Aufwand gestaltet wurden, stehen die in Schwarzweiß gehaltenen Rückblenden. Gekonnt lassen Kobiela/Welchman mit diesen beiden Ebenen in ihrem ziemlich einzigartigen Film auch Malerei und filmisch-fotographische Welt aufeinandertreffen.

Gleichzeitig vermittelt dieser Kontrast aber auch die sensationelle Wirkung der Bilder van Goghs noch intensiver und bewahrt andererseits den Film auch davor den Zuschauer mit einem durchgängigen 90-minütigen Bilder- und Farbenrausch zu erschlagen und abzustumpfen.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Di 2.1., 20.30 Uhr; Mi 3.1., 18 Uhr; Do 4.1., 18 Uhr
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 10.1., 18 Uhr; Do 11.1., 19.30 Uhr
Kino Madlen, Heerbrugg: Mo 29.1., 20.15 Uhr
Kinok St. Gallen: 2.1., 14.15 Uhr; 5.1., 19.10 Uhr; 7.1., 13.10 Uhr; 8.1., 16.45 Uhr; 14.1., 15 Uhr; 17.01., 16.45 Uhr; 29.1., 19 Uhr
jeweils engl. O.m.U.

Trailer zu «Loving Vincent»

weiterführende Links:

Loving Vincent

weiterführende Links:

Loving Vincent

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.