Das Leuchten der Erinnerung - The Leisure Seeker

09.01.2018 Walter Gasperi

Der Italiener Paolo Virzi schickt in seinem ersten englischsprachigen Film ein altes und krankes Ehepaar mit seinem Wohnmobil auf eine letzte Reise durch den Osten der USA. – Donald Sutherland und Helen Mirren brillieren in diesem bittersüßen Roadmovie über schwindende Erinnerungen und den nahenden Tod, doch über den schematischen Aufbau und die allzu gefällige Inszenierung können sie nicht hinwegtäuschen.


Europäische Regisseure und ihre amerikanischen Filme ist ein Kapitel für sich. Wim Wenders fand sein mythisches Kino-Amerika in «Paris, Texas» im Südwesten, auch Paolo Sorrentino beschwor in «Cheyenne – This Must Be the Place» Kino-Mythen. Realistischer ist der Blick Paolo Virzis und seines Kameramanns Luca Bigazzi, die ihr Paar auch nicht durch legendäre Filmschauplätze reisen lassen, sondern entlang der filmisch weniger erschlossenen Ostküste von Massachusetts bis zum Wohnhaus von Johns Lieblingsautor Ernest Hemingway in Key West, im Süden Floridas.

Wenn Johns (Donald Sutherland) und Ellas (Helen Mirren) Sohn zum Vorstadthaus fährt, um nach dem Rechten zu sehen, sind seine Eltern schon mit dem «Leisure Seeker» genannten Wohnmobil aus dem Jahre 1975 unterwegs. Ella will sich damit der bevorstehenden Krebsoperation entziehen, will noch eine kurze, letzte schöne Zeit mit John verbringen.

Dieser leidet aber an Demenz und droht ihr zunehmend zu entschwinden. Momente von Vergesslichkeit, in denen er seine Kinder auf Fotos nicht mehr erkennt, wechseln mit geistiger Klarheit, in denen der ehemalige Literaturprofessor präzise Textstellen aus Werken Hemingways zitieren und über ihn referieren kann. Um seine Erinnerung zurückzuholen und damit die jahrzehntelange Nähe zu ihm zu erhalten, hat Ella einen Diaprojektor und alte Familienfotos mitgenommen, die sie auf den diversen Campingplätzen ihm abends immer wieder vorführt.

Zeitlich genau verankert ist der Film mit zwei Wahlkundgebungen für Donald Trump, in die das alte Paar gerät. Dem «America First» und der Fremdenfeindlichkeit, die hier zu hören sind, stellt Virzi ein weitgehend menschenfreundliches und warmherziges Amerika gegenüber mit einem syrischen Tankwärterehepaar, das auch den Wunsch nach einem ausgefallenen Müsliriegel erfüllt, mit jungen Bedienungen im Diner, die geduldig den endlosen Ausführungen Johns über Hemingway zuhören, mit Nachbarn auf den Campingplätzen, die sich für die Diaabende interessieren und daran teilhaben wollen. Aus dem Rahmen fällt bei diesem nicht stringent eine Geschichte erzählenden, sondern episodisch Szenen aneinanderreihenden Film nur ein junges Duo, das den Reisenden bei einer Reifenpanne nicht helfen, sondern sie ausrauben will. Ella zeigt dabei freilich rasch, dass sie sich durchaus zu wehren weiß.

Bedächtig und wenig dramatisch wie die Fahrt des alten Ehepaars ist zwar das Erzähltempo, aber nie darf hier ein Moment der Besinnung aufkommen, sondern im Gegensatz zu Alexander Paynes großen «Rentnerfilmen» «About Schmidt» und «Nebraska» ist jeder Freiraum und jeder Zufall verboten. Wie eine geölte Maschine läuft dieses Roadmovie ab, lässt Schlag auf Schlag eine Szene auf die nächste folgen, die zwar für Abwechslung sorgen, die stets aber auch unübersehbar darauf abzielen, beim Zuschauer Wohlgefühl auszulösen.

Nicht nur das Erzählte und die durchwegs hilfsbereiten und netten, gleichzeitig sehr klischeehaften Nebenfiguren von einem Motorradfahrer, der Ella einmal mitnimmt, bis zu einem Campingplatz-Rezeptionisten, der bei der Suche nach dem verwirrten John hilft, stehen in diesem Dienst. Auch die Inszenierung soll mit ungetrübter Sommerstimmung, einem Running Gag mit Johns Eifersucht auf Ellas Jugendfreund Dan und natürlich dem Musikeinsatz, bei dem mächtig auf alte Hits von Janis Joplins «Me and Bobby McGee» bis zu «If You Leave Me Now» von Chicago zurückgegriffen wird, für eine glattpolierte Oberfläche sorgen und das Aufkommen von Verunsicherung verhindern.

Ein Vergnügen ist es zwar Donald Sutherland und Helen Mirren zuzusehen, die sich locker und mit sichtlichem Vergnügen die Bälle zuspielen und mit viel Einfühlungsvermögen das alte Paar verkörpern. Auf die Dauer wird aber auch hier spürbar, wie diese Rollen auf Wirkung beim Zuschauer angelegt sind, ihnen letztlich Natürlichkeit fehlt und gezielt auf emotionale Wirkung geschielt wird.

Sicher gelingt es Virzi, der sich als zweifellos versierter Handwerker erweist, zwar auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Rührung zu balancieren, in mancher Szene das Eine ins Andere übergehen zu lassen, und auch geschickt auf die Tränendrüsen zu drücken, doch auf Dauer nervt dieses permanente Schielen auf Glätte und Bekömmlichkeit auch, hinterlässt sogar einen unangenehmen Beigeschmack.

Denn dem Tod wird hier jeder Stachel gezogen. Zu beschönigend ist «Das Leuchten der Erinnerung», wenn die schwere Krankheit Ellas auf einige wenige Schmerzanfälle reduziert wird und auch die Demenz von John wird insgesamt verharmlost. Zu leicht macht es sich Virzi schließlich auch mit dem Ende, bei dem er einerseits das Publikum vielleicht mit Tränen in den Augen, aber auch – nochmals unterstützt von Joplins «Me and Bobby McGee» und der zentralen Songzeile «Freedom's just another word for nothin' left to lose», auch gelöst und glücklich aus dem Kino entlassen will.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) sowie bis Do 11.1. im Rahmen des TaSKino im Feldkircher Kino Rio (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Das Leuchten der Erinnerung»

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