August Sander & Hanna Putz im Wiener Fotomuseum WestLicht

12.05.2018

24.03.2018 bis 20.05.2018  WestLicht. Schauplatz für Fotografie

Mit August Sander widmet sich das Wiener Fotomuseum WestLicht einem herausragenden Klassiker der Fotografiegeschichte. Die 70 Porträts des wegweisenden Vertreters der Neuen Sachlichkeit und Pioniers der dokumentarisch-konzeptuellen Fotografie sind in dieser Zusammenstellung zum ersten Mal in Österreich zu sehen. Es handelt sich dabei um das Reenactment einer Ausstellung, die der Fotograf 1963, ein Jahr vor seinem Tod, noch selbst kuratiert hatte.


Im Fokus der Ausstellung steht der epochale Porträtzyklus Menschen des 20. Jahrhunderts, den Sander Mitte der 1920er-Jahre entwickelte und in einer ersten Fassung unter dem Titel «Antlitz der Zeit» publizierte. Eingeteilt in sieben Gruppen, stellt der Bilderatlas Vertreter*innen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen nebeneinander – vom Arbeitslosen bis zum Großindustriellen, von der Bildhauerin bis zur Putzfrau, vom Corpsstudenten bis zum Bohémien. Sander verdichtet charakteristische Merkmale in Haltung, Gestik und Kleidung zu einer Reflexion des Individuellen in Beziehung zum Typischen. Sein physiognomisches Zeitbild beleuchtet das Verhältnis von Mensch und Gemeinschaft.

Sander hat sein Mappenwerk immer wieder bearbeitet. Sein universalistischer Ansatz ist dabei auch ein demokratischer und rationaler Gegenentwurf zu anderen Fotoprojekten der Zwischenkriegszeit, die Gemeinschaft elitär als Parade großer Denker und Lenker entwerfen oder völkisch entlang von Blut-und-Boden-Kategorien konstruieren.

Parallel zu August Sander zeigt WestLicht in der oberen Galerie die Ausstellung «Porträts nach S.» von Hanna Putz. Die in Wien und Berlin lebende Künstlerin wurde eingeladen, den Raum mit einer Auswahl ihrer Porträts zu gestalten. Die Bilder zeigen vor allem Frauen ihrer Generation – darunter Freunde aus dem Umfeld der Fotografin, Protagonistinnen der österreichischen Kunstszene wie Verena Dengler, Anna Sophie Berger und Stefanie Sargnagel, oder Sportlerinnen, die Putz über einen längeren Zeitraum begleitete.

Erscheint in Sanders Kompositionen trotz der sozialen Verwerfungen der 1920er-Jahre die Verbindung von Mensch und Stand noch als stabiles Fundament, dokumentiert Hanna Putz das mittlerweile freigesetzte Individuum mit radikalen Schnitten und gekippten Bildachsen. In ihrer charakteristischen – kraftvoll leisen – Bildsprache formuliert die Fotografin eine zeitgenössische, weibliche Perspektive auf Sanders Werk und daran anschließende konzeptuelle und gesellschaftliche Aspekte.

Eine weitere Brücke zur Gegenwartskunst schlägt eine Installation im Bereich des Kameramuseums. Dem weitreichenden Erbe der von Sander so bezeichneten exakten Fotografie und visuellen Soziologie wird dort durch eine Bücherausstellung Rechnung getragen, die Publikationen von Bernd und Hilla Becher, Rineke Dijkstra, Hans Eijkelboom, Bernhard Fuchs, Dana Lixenberg und vielen weiteren Künstler*innen umfasst.

August Sander (DE 1876, Herdorf – 1964, Köln). Ab 1901 Angestellter, ab 1904 Eigentümer eines Fotoateliers in Linz. 1910 Übersiedlung nach Köln und Eröffnung eines Studios. In Köln enger Kontakt zur Künstlergruppe der «Rheinischen Progressiven». 1929 Publikation von Antlitz der Zeit mit 60 Porträts als Vorabveröffentlichung zu seinem umfassenden Konzept eines Gesellschaftsporträts. Das Buch wird 1936 im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Im Krieg Auslagerung großer Teile von Sanders Archiv in den Westerwald. Sein Kölner Studio wird 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. Sanders ältester Sohn stirbt im selben Jahr als politischer Häftling in einem Gefängnis der Gestapo. 1951 Einzelausstellung auf der Kölner photokina, 1955 Beteiligung an der von Edward Steichen kuratierten Ausstellung «The Family of Man» im Museum of Modern Art. Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln bewahrt seit 1992 den Nachlass des Künstlers.

Hanna Putz (*1987, Wien) lebt und arbeitet als Fotografin in Wien und Berlin. Ihre Fotografien wurden unter anderem in der Kunsthalle Wien, im Lentos Museum, Linz, MOCP, Chicago, FOAM, Amsterdam, in der Photographers Gallery, London, dem Autocenter Berlin, Fotohof Salzburg, Kunst Haus Wien und auf der 6. Moskau Biennale gezeigt und sind vielfach publiziert, so in TAR Magazine, New York Magazine, Libération, Spike Art Quarterly, Zeit Magazin, Die Zeit, Another Magazine, Weltkunst, EINE Magazine, Vogue US und Dazed&Confused. Sie war Gastdozentin an der Kunstuniversität Linz und an der Bauhaus Universität, Weimar. Arbeiten von Hanna Putz befinden sich unter anderem in der Sammlung des Belvedere 21 Museum für zeitgenössische Kunst.


August Sander. Porträt einer Gesellschaft
Hanna Putz. Porträts nach S.

24. März bis 20. Mai 2018

WestLicht. Schauplatz für Fotografie
Westbahnstraße 40
A-1070 Wien
T: 0043 (0)1 5226636-0
F: 0043 (0)1 523 13 08
E: info@westlicht.com
W: http://www.westlicht.com


Öffnungszeiten

Mo bis Fr 11 - 19 Uhr
Donnerstag 11 - 21 Uhr
Sa/So/Fe 11 - 19 Uhr

 


  • Hanna Putz: Untitled (Trainee), 2017; © Hanna Putz
  • Hanna Putz: Untitled (Daniel Richter), 2017; © Hanna Putz
  • August Sander: Konditor, 1928; © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln. VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy Galerie Johannes Faber
  • August Sander: Boxer, 1929; © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln. VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy Galerie Johannes Faber
WestLicht. Schauplatz für Fotografie
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A-1070 Wien
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