Die Milchstraße - La voie lactée

23.08.2018 Walter Gasperi

Die Pilgerschaft zweier Vagabunden von Frankreich nach Santiago de Campostela nutzte der Spanier Luis Buñuel 1969 um mit bissigem Witz katholische Dogmen in Frage zu stellen. Der lose erzählte, leichthändig zwischen Zeit und Raum hin und her springende Klassiker ist bei Studiocanal in digital restaurierter Fassung auf DVD und Blu-ray erschienen.


Auf eine Information zur Geschichte des Pilgerwegs nach Santiago de Compostela setzt «Die Milchstraße» - der himmlische Weg gilt als Entsprechung zum legendären irdischen Pilgerweg - mit zwei Clochards ein, die auf einer Landstraße bei Paris unterwegs sind. Bilder vom hektischen Autoverkehr und dem Lärm der Motoren kontrastiert Luis Buñuel mit Ansichten der menschenleeren verregneten spanischen Pilgerstadt. Implizit wird damit die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Hektik und dem ständigen Unterwegssein aufgeworfen.

Ein klassisches Odd-Couple könnten dieser jüngere Jean und der bärtige ältere Pierre – ihre Namen sollen wohl auch auf die Apostel Johannes und Petrus verweisen – sein, doch nichts erfährt man über ihre Herkunft. Sie werden auch kaum eine Entwicklung durchmachen, sondern dienen vor allem als Bindeglied für die locker aneinander gefügten Episoden, bei denen der spanische Meisterregisseur durch Raum und Zeit springt.

Zu seinen surrealistischen Anfängen kehrt Buñuel dabei zurück, wenn ein Mann, der den Clochards begegnet, beim Weggehen plötzlich von einem Kind und einer weißen Taube begleitet wird oder später ein Priester beim Erzählen einer Geschichte über ein Marienwunder bald im Korridor vor einem Zimmer, bald im verschlossenen Zimmer sitzt.

Weckt schon der Mann mit Kind und Taube Assoziationen an die Dreifaltigkeit, so wird dieses Dogma später ebenso thematisiert wie die unbefleckte Empfängnis und die Jungfräulichkeit Marias, die Frage der Präsenz von Gott in der Hostie oder der menschlichen oder göttlichen Natur von Christus.

Mal springt der Film in die Zeit Christi und bricht dabei das klassische Bild des Religionsgründers, zeigt ihn als ziemlich gewöhnlichen jungen Mann, mal löst die Rezitation von Bannflüchen durch von ihrer Direktorin gedrillte Schülerinnen bei Jean Assoziationen an die Studentenunruhen des Mai 1968 und eine Exekution des Papstes aus. Dass diese gedachten Gewehrschüsse der neben Jean sitzende Mann auch hören kann, ist wiederum einer der vielen surrealen Momente.

In der Gegenwart belehrt ein Oberkellner in einem vornehmen Landgasthof die anderen Angestellten in religiösen Fragen, während in einer im 17. Jahrhundert spielenden Szene ein Jesuit einen Jansenisten zum Duell herausfordert und im Mittelalter der Sarg eines Heiliger ausgegraben und verbrannt wird, da posthum seine ketzerischen Schriften entdeckt wurden.

Auf biblische Texte und Schriften der Kirche hat Buñuel bei diesen Diskussionen zurückgegriffen, ruft Fragen, die beim Konzil von Nicäa oder der Synode von Braga im Zentrum standen, ins Bewusstsein.

Der Sicherheit der Dogmen stellt der spanische Freigeist den Zweifel gegenüber und will mit seinem ebenso fantasievollen wie klugen und polemischen Film feste Ordnungen erschüttern und den Menschen zum selbstständigen Denken anregen. Bewusst offen bleibt «Die Milchstraße» dabei in vielen Szenen und überlässt das Urteil dem Zuschauer.

Am schönsten zeigt sich dies vielleicht an einem Wunder, das Jesus gegen Ende des Films zu vollbringen scheint. Die beiden blinden Männer behaupten zwar sehen zu können, benutzen aber weiterhin ihre Stöcke: Vertrauen sie nun ihrer Sehkraft nicht oder geben sie nur vor zu sehen, weil sie an die Macht von Jesus glauben?

Mehr als genug Gesprächsstoff für eine ausführliche theologische Diskussion bietet «Die Milchstraße» in seinem inhaltlichen Reichtum, bewahrt aber dank der von bissigem Witz durchzogenen Inszenierung dennoch eine Leichtigkeit, die dafür sorgt, dass auch Spaß und Unterhaltung nicht zu kurz kommen.

An Sprachversionen bietet der bei Studiocanal auf DVD und Blu-ray erschienene Film die französische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche und englische Untertitel. Die Extras umfassen neben dem Trailer und einem Interview mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière vor allem eine rund 30-minütige Dokumentation zum Film mit Interviews mit Carrière und Schauspielern sowie eine ebenfalls rund 30-minütige profunde Filmanalyse durch den britischen Filmwissenschaftler Peter W. Evans.

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